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Donnerstag, 12.08.2010 - Abstecher in den Krieg: Bunker, Ruinen und Gestapo

"Ich sehe tote Menschen!"

Wir gingen um halb 10 zum Frühstück. Es gab sogar gleich Platz für uns. Also erstmal Zeugs besorgt und gemütlich gefuttert. Am Tisch nebenan ein Paar mit Kind, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt. Das zappelte rum und rief irgendwann laut in den Raum "Michael Jackson Michael Jackson Michael Jackson!" .. Mmmmh ^^ Okay. Ein paar Minuten später in der gleichen Lautstärke "Ich sehe tote Menschen!" ... Gibt's da nicht nen Film, der .. ach egal ^^ Naja, mich wunderte das nicht. Die Eltern saßen regungslos am Tisch, jeder las konzentriert in seiner eigenen Ausgabe der Financial Times. Armes Kind.

Flakturm Humboldthain

Heute war das große Berlin-Besichtigen geplant. Während Saph sich Bilder in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel anschauen wollte (zomg! Nix für mich) hatte ich vor, eine geführte Tour durch den alten Gefechtsturm im Humboldthain aus dem 2. Weltkrieg zu machen.

Es gab drei dieser riesigen Bunkerpaare in Berlin, jedes bestehend aus einem keineren Leitturm mit Radar, verbunden mit dem größeren Gefechtsturm, auf dem die schweren Flaks standen. Diese Türme hatten meterdicke Betonwände, waren mehrere Stockwerke hoch und beherbergten nicht nur die Besatzungen für die schweren Waffen, sondern Boten auch Tausenden Zivilpersonen Schutz während der unzähligen Bomberangriffe.
Über diese Bunkertürme hatte ich mich schon vor über einem Jahr informiert - warum auch immer interessiere ich mich sehr für diese Bombardierungen und Luftschutzmöglichkeiten - und wusste auch, dass der Verein Berliner Unterwelten e.V. (Klick für weitere Informationen zum Flakturm und den Führungen auf der Webseite des Vereins) Touren durch den letzten der verbliebenen Berliner Bunkertürme (Gefechtsturm im Humboldthain) anbietet. Jedenfalls hatte ich mir im Vorfeld die Standorte der Bunker in der Stadtkarte markiert und wollte mir den Bunker wenigstens von außen anschauen, bis ich erst in Berlin auf die Idee kam, doch so eine Tour mitzumachen ^^ Denn was ist besser als nur von außen anschauen? Reingehen :D

Von den ursprünglichen vier Ecktürmen des Gefechtsturms (siehe Modell rechts) schauen die oberen Stockwerke der beiden nördlichen Türme noch aus dem aufgeschütteten Hügel raus.
Das Bunkerpaar im Tiergarten wurde gleich nach dem Krieg gesprengt, während das im Friedrichshain gesprengt und dann zugeschüttet worden ist (die oberste Spitze eines der 4 Türme schaut noch aus dem Hügel raus).

Also fuhren wir zum S-Bahnhof Gesundbrunnen, wo der Verein seinen Sitz hat. Ich dachte noch, dass da bestimmt nur Freaks bei diesen Touren mitmachen - aber nein. Wieder mal getäuscht. Als wir ankamen, stand eine 10m lange Schlange aus dem Anmeldebüro des Verein raus. Brav stellten wir uns an. Es waren Leute jeden Alters da, Männer und Frauen. Okay, es gibt ja auch nicht nur die Tour in diesen Bunker, sondern auch in s tillgelegte U-Bahnhöfe oder andere Luftschutzeinrichtungen, so dass nicht alle diese Leute meine Tour machten, aber dafür, dass es an diesem Tag 3x diese Tour gab, war meine ganz schön voll. Es waren dann 15 Leute oder so, die mit in den Bunker stiegen, als es um 13 Uhr losging ^^
Leider darf man im Bunker keine Fotos schießen. Es gibt aber auf YouTube einige Dokus, in denen das Bunkerinnere gezeigt wird. Einfach "Bunker Humboldthain" eingeben.

Saph fuhr in der Zeit wie gesagt seine Galerie angucken, während ich mit Schutzhelm auf der Birne gespannt den Ausführungen des Tourführers lauschte. Vieles wusste ich schon über den Bunker - zB. dass die französischen Besatzer mehrfach versucht haben, den Bunker zu sprengen, was zunächst keine Wirkung auf den Bunker hatte. Der Tourführer Jan Benndorf, der die Informationen teilweise sehr zynisch weitergab, auf jeden Fall aber unterhaltsam, erzählte, dass erst der Leitturm gesprengt werden sollte. Was auch gelang, nur hatten sich die Franzosen damit den Ärger der umliegenden Bevölkerung eingehandelt, denn bei der Sprengung seien im Umkreis von einigen hundert Metern die Fensterscheiben aus den Rahmen geflogen - und es war Dezember. Und man hatte ja eh nichts und war froh über ein Fenster. Naja ^^
Jedenfalls hatten die Franzosen dann die Sprengung des großen Gefechtsturms zwei Monate verschoben. Über die vergeblichen Versuche zitierte der Tourführer ein Sprichwort der Berliner: "Der Rauch vergeht, die Sonne scheint, der Bunker fragt: War ick gemeint?" :D Also die Franzosen sprengten und der Bunker stand - denn dafür war er ja gemacht worden. Irgendwann stürzte die südliche Hälfte des Bunkers nach einer Sprengung in sich zusammen, während die beiden Nordtürme stehen blieben und noch heute aus dem aufgeschütteten Hügel herausschauen. Um sich weitere Spotttiragen zu ersparen, sagten die Franzosen gleich, dass das so geplant war. Den Nordteil könne man nämlich nicht sprengen, um die direkt daneben liegenden Bahngleise nicht zu beschädigen. Schön und gut - dem verdanken wir jedenfalls, dass man Teile des Bunkers heute noch besichtigen kann.

Unverkleidete, meterdicke Betonwände und -Treppen sind zu sehen. Es hängen Infotafeln aus mit Bildern, wie der Bunker früher ausgesehen hat, von der Nutzung während des Kriegs (es gab sogar eine Geburtsstation) und auch von den Sprengversuchen der Franzosen. Bei einer der Sprengungen wurde eine der dicken Außenwände über eine gesamte Stockwerkshöhe einen Meter nach außen versetzt, und das bei Stahlbeton. "Made in Germany", wie eine amerikanische Zeitung gespottet haben soll, als die Sprengungen zunächst erfolglos blieben.

Faszinierend fand ich auch, wie Benndorf erzählte, dass die russische Armee auf der anderen Seite der Gleise stand (wo heute die S-Bahnstation Gesundbrunnen ist) und "mit allem, was sie hatten", auf den Bunker feuerten, aber nichts bewirken konnten. Ok, außen weist die Wand einige tiefe Einschlaglöcher von Granatentreffern auf, und auch innen um die Türen nach außen hin schauen Metallverstrebungen aus der Wand hervor, aber der Bunker hielt stand. Er wurde erst aufgegeben, als die Kapitulation Berlins unterschrieben worden war.

Naja - sahen die Räume in den Ecktürmen noch halbwegs intakt aus, änderte sich das, als wir ein Stockwerk tiefer (den 4. Stock) erreichten (Einstieg in den Bunker ist ganz oben auf dem umlaufenden "Balkon", am Modell gut erkennbar, das Ergeschoss liegt heute unter der Erde) und uns auf den Weg ins Innere des Bunkers machten. Wir erreichten einen riesigen Raum, der halb eingestürzt ist. Wie gesagt wurde die Südseite des Bunkers gesprengt und alle Geschosse neigen sich nun von Norden nach Süden in einem Winkel von etwa 45 nach unten. DAS war ein Anblick... ein riesiger Raum mit eingeknickten meterdicken Pfeilern und einer rissigen Decke, die sich scharf Richtung Boden neigt. Alles überdeckt von Schutt und ein leichter Nebel im Licht der Scheinwerfer und Taschenlampe. Von der Decke wachsen weiße Tropfsteine nach unten.
Sehr gespenstisch irgendwie. Der Tourführer erzählte dann, dass man diesen Raum keinesfalls ungesichert untersuchen darf, denn am Grund des nach unten geneigten Bodens gäbe es einen Schacht, durch den man noch 20m im freien Fall bis ins Erdgeschoss gelangen könnte, was eher ungesund wäre.

Ach ja, der Turm hatte Außenmaße von 70x70 Metern und eine Höhe von etwa 40 Metern, damit man problemlos über die Dächer der umliegenden Häuser wegschießen kann. Es gab ein Lazarett, ein eigenes Kraftwerk und am Ende des Krieges war der Bunker bei jedem Fliegeralarm mit 50 000 Schutzsuchenden restlos überfüllt. Die auf den Ecktürmen installierten riesigen Flaks (Flugabwehrkanonen) hatten zwar keine großen Abschusszahlen an feindlichen Flugzeugen, doch das lag daran, dass man beim Einflug einfach den Turm umflog, so dass die Häuser in der Umgebung des Turms keine so großen Beschädigungen erleiden mussten wie die Gebäude in vielen anderen Stadtteilen Berlins.

Okay, um mal langsam wieder ans Licht und in die Gegenwart zu kommen - nach der ca 90-minütigen Tour redete ich noch kurz ein bisschen mit dem Tourführer und fragte ihn über andere Bunker aus. Danach machte ich mich auf den Weg zurück in die Stadt.

Anhalter Bahnhof

Saph war mit seiner Galerie auch soweit fertig und wir trafen uns dann am Hackescher Markt, um zusammen zum Anhalter Bahnhof zu fahren. Dort wollte ich die letzten Reste von eben diesem Bahnhof anschauen ^^ Der Anhalter Bahnhof war die ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts der wichtigste Bahnhof von Berlin, der Kaiser empfing hier seine Staatsgäste. Im Krieg wurde der Bahnhof schwer beschädigt und später vollends abgetragen, bis auf das Eingangsportal, das heute noch an der Stelle steht.
Immer wenn ich solche Ruinen sehe, krieg ich irgendwie nen Traurigkeitsflash. Solache schönen Gebäude, einfach zerstört.

Topographie des Terrors

Da wir nun schon in der Gegend waren, machten wir uns auf den Weg in die Wilhelmstraße, wo das Nazi-Regime wichtige Teile seiner Verwaltung hatte. Hier und in abzweigenden Nebenstraßen befand sich die Reichskanzlei, das Reichssicherheitshauptamt, die Zentrale der Geheimen Staatspolizei und der SS. Überall in der Wilhelmstraße stehen Info-Tafeln mit Erläuterungen dazu, wo welches Gebäude war und was dort passierte. Die Originalgebäude stehen allerdings nicht mehr.

Auf dem Gelände der Gestapo befindet sich heute die Ausstellung Topographie des Terrors und man kann freigelegte Keller sehen - in denen im dritten Reich, vor allem in der Anfangszeit, politische Gegner gefoltert wurden. Später ging es ja gleich ins KZ. Außerdem gibt es hier ein modernes Ausstellungsgebäude, in dem es sehr viele Dokumente wie Fotos, Berichte, Zeugenaussagen und Filme zu den Verbrechen gibt, die an genau dieser Stelle geplant und ausgeführt wurden.

Als wir dort waren war es ziemlich voll, man konnte kaum direkte Blicke auf all die Tafeln werfen ^^ Mein subjektiver Eindruck war allerdings, dass die meisten Besucher aus dem Ausland kamen. Man hörte sehr viel englisch, russisch und italienisch. Ein Japaner hatte ein T-Shirt der deutschen Fußballnationalmannschaft an ^^
Die Ausstellung zeigte mir nicht viel Neues - die groben Fakten kenne ich natürlich alle und auch viele der Fotos hatte ich schon gesehen, aber trotzdem ist die Zusammenstellung der Informationen sehr gut.

Noch eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist: ich urteile oder verurteile nur sehr ungerne die damals lebenden Menschen - wer war Schuld, wussten alle davon und waren nur zu feige, um was zu unternehmen? Oder sind nur die schuldig, die tatsächlich an den Verbrechen teilgenommen haben bzw sie geplant haben? Ich finde es schwierig, das zu beurteilen und lass es daher, denn es steht mir eh nicht zu. Heute kann man leicht sagen "Ihr seid alle schuldig, weil ihr nichts unternommen habt und ihr hattet doch alle ein Hitler-Bild an der Wand hängen".
Diese Ausstellung ist deutsch- und englischsprachig, und vielleicht auch wegen der vielen Ausländer meiner Meinung nach ein klein wenig auf Rechtfertigung bzw In-Schutznahme der Zeitgenossen ausgelegt. Es gab sehr viele Dokumente dazu, die den Terror betonten und wie das Regime Druck ausübte. Ein ganzer Ordner zeigte ausschließlich Denunziationen aus der Bevölkerung, also normale Bürger, die andere Leute anzeigten ("Frau XY sieht jüdisch aus, sie sollte verhaftet werden") und ein großes Foto, in dem in einem Meer von Leuten zum Hitlergruß erhobenen Händen ein einzelner Mann eben dies nicht tut und wie mutig das sei. Und dazu passend ein Denunziations-Dokument, in dem genau so ein Nicht-Mitmacher angezeigt wird.
Für mich wirkte das ein wenig so wie wenn man sagen wollte: "ja, seht her, Deutschland ist schuldig, aber der einzelne Bürger hatte nicht die Chance, sich dem zu entziehen, denn die Gestapo bekommt sie ja doch alle". Aber wie gesagt, ein Urteil darüber steht mir nicht zu. Vielleicht ist ein wenig Rechtfertigung auch nicht schlecht, man kann nicht bis in alle Ewigkeit nur betonen, wie schlimm die Deutschen sind und dass wir das nicht vergessen und immer büßen werden.

Potsdamer Platz und Holocaust-Denkmal

Inzwischen war es vier oder fünf nachmittags und der Hunger quälte uns. Auf dem Weg zum Potsdamer Platz besorgten wir uns Hotdogs. Das Wetter wurde schlechter, der blaue Himmel war verschwunden und alles wurde grau und ein wenig frisch. Wir waren auch schon recht kaputt von all dem Gelaufe und Rumgestehe mal wieder ^^
Der Potsdamer Platz, der ja recht bekannt ist, machte auf uns jedenfalls keinen guten Eindruck. Es gab nicht viel Sehenswertes und dafür einen Haufen echt hässliche Gebäude.

Dafür sah ich hier zum ersten Mal den Verlauf der Berliner Mauer, der an vielen Stellen ja mit in den Boden eingelassenen Pflastersteinen markiert wird. Auch ein paar Teile der Mauer standen herum, zusammen mit Info-Tafeln und einem als DDR-Volkspolizist verkleideten Menschen ^^ Ich war recht fasziniert davon, wie der Potsdamer Platz und Berlin allgemein noch vor 20 Jahren ausgesehen haben. Die meisten der heutigen Gebäude standen noch nicht, dafür Wachtürme und Selbstschussanlagen... Krank. Ist noch gar nicht lange her.. Habe hinterher im Internet gelesen, dass der Potsdamer Platz bis zur Wiedervereinigung quasi ausgestorben war und das Gebiet zwischen dem Platz und dem Brandenburger Tor mehr oder weniger brach lag. Mitten in einer Großstadt oO
In den 1920er Jahren war der Potsdamer Platz der verkehrsreichste Platz in Europa, 20 000 Autos überquerten ihn täglich, daher bekam er auch die erste Ampel Europas, den "Verkehrsturm". Im Krieg ist er dann fast vollständig zerstört worden.

Wir pilgerten weiter, am Holocaust-Denkmal (richtig: Denkmal für die ermordeten Juden Europas)vorbei. Auf dem Platz stehen 2711 Steinquader unterschiedlicher Höhe und es gibt noch eine Ausstellung über die ermordeten Juden. Das Mahnmal sieht recht krass aus. Die Anzahl der Steinblöcke soll aber keine bestimmte symbolische Bedeutung haben.
Da wir so müde waren und es nach Regen aussah (und ich aufs Klo musste ^^) haben wir uns die Ausstellung nicht mehr angesehen, obwohl sie sicher interessant wäre. Ich dachte, dass wir das ja am Tag danach noch machen könnten.

Wir gingen also auf recht direktem Wege weiter zur U-Bahn-Haltestelle Brandenburger Tor, fuhren zum Hauptbahnhof und stiegen in die S-Bahn Richtung Zoo. Am Hauptbahnhof fing es dann so richtig an zu regnen, also so richtig ^^ Und es hörte auch an dem Abend nicht mehr auf.

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Bild von der Webseite der Berliner Unterwelten e.V.

Auf einem der Bunker-Ecktürme, rechts von der Bildmitte der heutige Eingang in den Bunker | Zoom

Reste des Anhalter Bahnhofs | Zoom

Topographie des Terrors: auf dem ehemaligen Gelände des Nazi-Überwachungsapparats. Im Hintergrund noch 200m Berliner Mauer | Zoom

Die Ausstellung von Topographie des Terrors | Zoom

Mauerreste am Potsdamer Platz | Zoom

Blick über den Potsdamer Platz (in die hässlichste Richtung ^^) | Zoom

Potsdamer Platz 1963 (entnommen von www.potsdamerplatz.de)

Otto Bock Science Center: interaktives Museum zum Thema Behinderung. In den äußeren weißen Wänden flitzen Lichtpunkte herum | Zoom

Denkmal für die ermordeten Juden Europas | Zoom
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